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03.03.2020 13:19 Alter: 272 days
Von: Sylvia Möcklin

Bildungsgefälle wird größer: Was die Grundschulempfehlung damit zu tun hat


In den Klassen fünf und sechs entscheidet sich die weitere Schullaufbahn: Martin Burr, der Leiter der Eugen-Bolz-Realschule in Ellwangen. (Foto: Sylvia Möcklin)

„Ja“, sagt Martin Burr, der Leiter der Eugen-Bolz-Realschule (EBR), „wir haben eine veränderte Schülerschaft.“ Wie andere auch erleben er und seine Kollegen seit einigen Jahren, dass sich die Schere zwischen stärkeren und schwächeren Kindern in ihren fünften Klassen immer weiter öffnet.

„Nein“, sagt er dann, das allein auf die unverbindliche Grundschulempfehlung zu schieben, sei zu kurz gegriffen. Die Vielfalt der Schüler habe vielmehr ganz unterschiedliche Ursachen. Die EBR reagiert darauf mit neuem Konzept und „guten Ergebnissen“, vermeldet der Schulleiter. Was er nicht in der Hand hat, ist der Lehrermangel.

Es ist kein Wunder, dass die Diskussion um die Grundschulempfehlung in diesen Tagen wieder hochkocht. Gerade haben alle Eltern von Viertklässlern sie zusammen mit der Halbjahresinformation ihres Sohnes oder ihrer Tochter erhalten. Sie stehen nun vor der Entscheidung, an welcher weiterführenden Schule sie ihr Kind an den Stichtagen, dem 11. oder 12. März, anmelden sollen.

Ob sie sich dabei an den Rat der Grundschullehrer halten, ist seit dem Schuljahr 2012/13 ihnen überlassen. Seit 2016/17 müssen sie die Empfehlung bei der Anmeldung zwar wieder vorzeigen. Die weiterführende Schule muss aber letztlich den Elternwillen akzeptieren.

Viele Eltern weichen von Grundschulempfehlung ab

Wohin das führt, sollen Zahlen aus dem vergangenen Schuljahr zeigen, die das Kultusministerium bekannt gegeben hat. Demnach wichen 2019/20 landesweit viele Eltern von der Grundschulempfehlung ab – häufig zugunsten einer formal höheren Schulart. Vor allem an den staatlichen Realschulen hatte im baden-württembergischen Durchschnitt fast ein Viertel der neuen Fünftklässler eigentlich eine Empfehlung für die Haupt- oder Werkrealschule.

Ähnliches gilt, wenn man den Ostalbkreis näher betrachtet. Hier hat das Regierungspräsidium Stuttgart der Ipf- und Jagst-Zeitung Zahlen zur Verfügung gestellt (private Schulen sind darin nicht berücksichtigt). Im Schuljahr 2019/20 war demnach 748 Kindern geraten worden, auf eine Realschule zu gehen. Viel mehr, nämlich 965, wurden aber für diese Schulart angemeldet.

Darunter waren sicherlich auch Jungen und Mädchen mit Gymnasialempfehlung. Denn von 1231 Schülerinnen und Schülern mit einer solchen Empfehlung meldeten sich im vergangenen Schuljahr nur 1100 auch an einem staatlichen Gymnasium an. Doch es hatten auch 610 Kinder im Ostalbkreis eine Empfehlung für eine Werkreal- oder Gemeinschaftsschule, und nicht alle gingen diesen Weg: 122 wählten die Werkreal-, 409 die Gemeinschaftsschule.

Und die anderen 79? Die Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren warnte kürzlich vor den Folgen von zu großem elterlichen Ehrgeiz: überforderte Kinder und eine „enorme Herausforderung für die Lehrer“. Kultusministerin Susanne Eisenmann hat inzwischen erklärt, die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung sei ein Fehler gewesen. Doch es gibt auch differenziertere Betrachtungen.

Jörg Hofrichter, der Leiter des staatlichen Schulamts Göppingen, weist darauf hin, dass die neue Praxis auch positive Effekte habe. Auf der einen Seite sei die Zahl der Schüler, die an einer Schulart scheitern, seit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung „nicht hochdramatisch angestiegen“. Auf der anderen Seite sei der Druck auf die Kinder weg.

Das Kind aufs Gymnasium zwingen

„Früher gab es Anrufe von Eltern, die wissen wollten, wo ihr Zweitklässler Nachhilfe nehmen muss, damit er nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kann“, so Hofrichter. „Dieser Druck ist zum Glück weg.“ Stattdessen gebe es jetzt jährlich echte Entwicklungsgespräche zwischen Grundschullehrern und Eltern. „Wir wollen eine neue Verbindlichkeit nicht um den Preis, dass diese Beratungen wieder verloren gehen“, sagt der Schulamtsleiter.

Auch Martin Burr lässt die Klagen der Realschulrektoren für seine eigene Schule so nicht stehen. Es gebe lokal große Unterschiede, und für die EBR sei belegt: „In unseren fünften und sechsten Klassen ist der Anteil an Schülern mit einer Empfehlung für die Haupt- und Werkrealschule mit unter 15 Prozent verschwindend gering.“

Auf der anderen Seite hätten gute 25 Prozent der EBR-Schüler eine Gymnasialempfehlung – es seien Zugpferde, die ihre Klasse voranbrächten, so Burr. Sie fühlten sich an der Realschule gut aufgehoben, weil sie so zum Beispiel noch genug Zeit für Freizeit oder ihren Verein hätten. Oder sie nutzten den Bildungsweg via Mittlere Reife und beruflichem Gymnasium, um ein Jahr mehr Zeit bis zum Abitur zu gewinnen.

Zwei oder drei Schüler mit Problemen gebe es trotzdem immer, „aber die haben wir früher auch gehabt“, sagt Burr. Das wachsende Bildungsgefälle habe auch viele andere Ursachen als eine verfehlte Schulwahl, die Gesellschaft an sich sei heterogener geworden: „Manche Kinder haben familiäre oder soziale Probleme, andere Sprachdefizite, es gibt die Inklusion“, zählt der Schulleiter auf.

Seine Schule sieht er gut aufgestellt, um mit der wachsenden Vielfalt umzugehen. Burr verweist auf viele Bausteine wie Förderstunden, Coaching, Schulsozialarbeit, Lese-Rechtschreibförderung, Lesestunden in der neu eingerichteten Schulbibliothek und vielem mehr, die allen Schülern zugute kommen. Mit der Einführung der Orientierungsstufe 2016/17 hatte sich die EBR Gedanken gemacht und ein ganz neues Konzept mit diesen Bausteinen entworfen. „Damit haben wir in den letzten drei Jahren gute Erfahrungen gemacht“, urteilt der Realschulrektor. Vor allem in den Klassen fünf und sechs „lassen wir nichts anbrennen, denn hier entscheidet sich die weitere Schullaufbahn“, bemerkt er.

Mit Übergang in Klasse 7 entscheidet sich, wer aufs Grundniveau wechselt

Seit dem Schuljahr 2016/17 sind diese beiden Klassen die Orientierungsstufe, an den Realschulen Baden-Württembergs lernen in diesen ersten beiden Jahren alle Schüler gemeinsam auf dem mittleren Bildungsniveau. Mit dem Übergang in Klasse 7 entscheidet sich, wer aufs Grundniveau wechselt und am Ende der neunten Klasse den Hauptschulabschluss macht, den die Realschulen seit dem Schuljahr 2016/17 anbieten. „Wir nehmen ihn dieses Schuljahr erstmals ab“, erzählt Burr.

An der EBR treffe das aber nur auf wenige Schüler zu. Für sie sieht der Schulleiter Vorteile in der neuen Regelung. „Sie haben die Möglichkeit, an derselben Schule und damit in ihrem bisherigen Sozialgefüge zu bleiben und hier den Hauptschulabschluss zu machen. Früher hätten sie die Schule verlassen müssen.“ Grundsätzlich gelte aber nach wie vor: Wer sich an der Realschule anmelde, tue dies, weil er die Mittlere Reife anstrebe. Die EBR führe die allermeisten Schüler zu diesem Abschuss am Ende der zehnten Klasse.

Ein Problem gibt es allerdings. „Wenn ich keine Lehrer habe, kann ich den Förderpool nicht bedienen“, bedauert Burr. Der Markt sei „leergefegt“, die Probleme mit der Lehrerversorgung erwiesen sich in manchen Landkreisen als „desaströs“. Immerhin: Nach zwei schwierigen Schuljahren mit Engpässen wegen Krankheit und Schwangerschaften sei die EBR in diesem Schuljahr wieder „sehr gut aufgestellt“. Und die Durststrecke gelte ja für alle staatlichen Schulen.

Das kann Jörg Hofrichter nur bestätigen. „Wir verwalten die Mangelsituation an Lehrern“, bedauert er. „Wir haben zwar massiv Stellen geschaffen, aber zu wenige Bewerber.“ Für eine gute Förderung aller Schüler bräuchte es aber genügend Lehrer und kleinere Klassen. Solange das nicht gewährleistet sei, „sind auch von einer verbindlichen Grundschulempfehlung keine positiven Effekte zu erwarten“.