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28.01.2020 10:00 Alter: 25 days
Kategorie: Veranstaltungen
Von: Gerhard Königer (SchwäPo)

„Hitler allein war es nicht“

Nationaler Gedenktag In der eugen-Bolz-Realschule gestalten Schüler und Lehrer eine würdige Gedenkfeier an den 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz und an den 75. Todestag von Eugen Bolz.


Moritz von Woellwarth, Heiko von Roth, Christian Bolz, Daniel Roncari und Benjamin Lindner (v.l.) spielten zusammen mit der Profilklasse Musik unter der Leitung von Iris Baur, die Komposition „Plötzensee“ von Moritz von Woellwarth. Fotos: gek

Mit ergreifender Musik, nachdenklichen Ansprachen und einer Ausstellung von Schülerarbeiten zum Thema KZ und Widerstand wurde der Nationale Gedenktag an der Eugen-Bolz-Realschule gestaltet. Rektor Martin Burr begrüßte dazu zahlreiche Gäste im Foyer der Schule, ganz besonders den Enkel des Namensgebers der Schule, Eugen Rupf-Bolz mit seiner Gattin.

Mit Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ hatten Schüler der Klasse 9b die Veranstaltung eröffnet und an die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto erinnert.

Oberbürgermeister Michael Dambacher meinte zum Nationalen Gedenktag, der im Wechsel von Schulen im Auftrag der Stadt ausgerichtet wird: „Es geht nicht um die Schuld oder Unschuld der Lebenden. Sie setzen ein Zeichen gegen das Vergessen, ein Zeichen der Mahnung gegen Extremismus und Intoleranz.“ Gerade das Wissen um das lokale Geschehen sei wichtig, um das Interesse von Jugendlichen zu wecken.

Vier Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz wurde Eugen Bolz hingerichtet. Der württembergische Staatspräsident hatte es gewagt, eine Tribüne für Adolf Hitler zu verbieten, die der Führer im Hof des Stuttgarter Schlosses für seinen Wahlkampf gewünscht hatte. Daraufhin setzen ihn die Nationalsozialisten ab. Er blieb bei seiner Überzeugung und schloss sich dem Widerstand an.

Der Journalist Dr. Andreas Schaller, als Redner für den erkrankten Historiker Dr. Michael Hoffmann eingesprungen, sah das NS-Regime als eine „Manifestation des Bösen“ und Eugen Bolz als einen mutigen Widersacher, für den Politik nur auf dem Fundament des Glaubens möglich war. Bolz Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler und die Aktivitäten der Studentengruppe „Weiße Rose“ interpretierte Schaller auch als ein „Widersagen im religiösen Sinn“. Wenn Politik durch Terror ersetzt wird, wie unter Hitler in Deutschland geschehen, dann sei politischer Widerstand nicht mehr möglich. „Hitler allein war es nicht“ sagte Schaller und sah einen „Resonanzboden für Hitlers Hass“ im damaligen Deutschland. Er sah jedoch auch eine Schuld bei Hitlers Gegnern, die unfähig oder unwillig zum Widerstand waren.“

Schaller ist Vorsitzender der historischen Kommission im Seligsprechungsverfahren von Eugen Bolz und hat sich ausführlich mit der Biographie des ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten beschäftigt. Er hob auf die Bedeutung permanenten Erinnerns ab, man müsse wachsam sein, den Anfängen wehren, denn „das Böse fängt im Kleinen an.“ Erinnerungskultur bedeute, der Jugend vor Augen zu halten, zu was der Mensch fähig ist.

Schüler der Klasse 10a und 10b hatten in Bildern, Videos und kurzen Statements ihre Eindrücke vom Besuch der Konzentrationslager Dachau und Plötzensee geschildert. „Diese Brutalität ist für mich unfassbar“, beschrieb ein Schüler den Besuch der Hinrichtungsstätte.

Ein Höhepunkt der Feierstunde war die Aufführung der Komposition „Plötzensee“ für Jazz-Quintett und die Profil-Klasse Musik der EBR. Moritz von Woellwarth, Leiter der städtischen Musikschule, hatte in einem Notenheft im Herrenzimmer von Eugen Bolz ein Frühlingslied von Franz Schubert entdeckt. Auf der heitere Melodie baut das fünfteilige „Plötzensee“ auf, steigert sich mit vielen Bläserstimmen und Percussion zu einem Klanggewitter, das für die Zerstörung kultureller Vielfalt durch die Nationalsozialisten steht. Ein Jazzthema klingt nach Hoffnung und steht für den Kreis der Widerstandsgruppe, ehe der Schlusschoral die Hinrichtung von Eugen Bolz und das Scheitern des Hitler-Attentats verkündet. „Es wird zwischendrin mal richtig laut. Sie dürfen sich ruhig die Ohren zuhalten“, meinte Woellwarth. Am Ende ernteten die Schüler und Profimusiker riesigen Beifall.