< Die EBR lädt zu einer Vortragsreihe zum EugenBolzRaum in die Aula ein
28.09.2019 18:00 Alter: 51 days
Kategorie: Veranstaltungen
Von: Petra Rapp-Neumann

Vortrag über die NS-Zeit in Ellwangen: Massenpropaganda und Verhaftungen

Großes Interesse hat der Vortrag von Michael Hoffmann gefunden, mit dem die Eugen-Bolz-Realschule die Veranstaltungsreihe „Lebendiges Erinnern – gegen das Vergessen“ eröffnet hat.


Einen eindringlichen Vortrag zur Zeit des Nationalsozialismus in Ellwangen hielt der Historiker Michael Hoffmann. (Foto: Rapp-Neumann)

Der promovierte Historiker ist im Vorstand des Geschichts- und Altertumsvereins und lehrt am Peutinger-Gymnasium. Unter dem Titel „Aber die kleinen Adölfe“ sprach er über die nationalsozialistische Herrschaft in Ellwangen vor dem Zweiten Weltkrieg. Dabei ging es ihm weniger um das Besondere, als um das Typische dieser Zeit am Beispiel Ellwangen.

Schwerpunkte des Vortrags waren die „Machtergreifung“ 1933 im lokalen Raum, die „Volksgemeinschaft“ als „Kampfgemeinschaft“, der man sich nicht versagen durfte, Kreisleiter Adolf Kölle und die Kontrolle des Privaten im totalen Staat. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933, so Hoffmann, habe die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP in Ellwangen nur 25 Prozent der Stimmen erhalten. 63 Prozent gingen an die Deutsche Zentrumspartei als Vertreterin des politischen Katholizismus.

Polemik in der Tagespresse

Die Zeit danach war gekennzeichnet von heftiger Polemik, so standen sich die christlich geprägte „Ipf- und Jagst-Zeitung“ und die „Nationalzeitung“ als Sprachrohr des Nationalsozialismus gegenüber. Im August 1933 wurde die „Ipf- und Jagst-Zeitung“ unter Zensur gestellt. Trotz der Gleichschaltung hielt sich das Blatt bis Juni 1935. Wer darin inserierte, dem drohten Nachteile und Verlust von Aufträgen.

Das im Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossene Konkordat habe, so Hoffmann, zunächst zu einer Annäherung zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus geführt. Doch die politischen Verhältnisse änderten sich schnell. Christliche Kulturwerte hatten keine Konjunktur mehr.

Bereits im Juli saßen nur noch Nationalsozialisten im Ellwanger Gemeinderat. Der 1897 in Heilbronn geborene Adolf Kölle wurde vom Gauleiter zum Kreisleiter und Ellwanger Bürgermeister ernannt. Hoffmann zitierte den Leitspruch des stets in Uniform auftretenden Kölle: „Wer sich Hitler und seiner Bewegung nicht anschließt, über den wird die Entwicklung hinweggehen, kompromisslos und unbarmherzig.“

Denunziert, verhaftet, ermordet

Weil die Ellwanger jüdische Gemeinde nicht groß war, konzentrierte man sich auf katholische Bastionen. In vorauseilendem Gehorsam rief Kölle dazu auf, katholische „Tarnorganisationen“ zu zerschlagen. Präfekt Flaig, Leiter des Schülerhorts Borromäum, sollte im März 1935 wegen Züchtigung von Zöglingen abgeholt werden und suchte bei Kaplan Rudolf Renz in der Basilika Schutz. Kölle und Wilhelm Stöckle, Leiter der Ellwanger Außendienststelle der Politischen Polizei, nahmen ihn in Schutzhaft. Flaig erhielt eine Gefängnisstrafe. Hoffmann schilderte das Schicksal des Kirchenmalers Max Reeb, eines aufrechten Katholiken, der den Hitler-Stalin-Pakt eine „Komödie“ nannte. Reeb wurde denunziert, verhaftet und im KZ Dachau ermordet.

Mit dem sogenannten Volksempfänger als perfektem Machtinstrument kroch die Partei auch Ellwanger Bürgern ins Hirn. In nur einem Monat wurden 45 Reden Hitlers übertragen: „Heute hören wir den Führer.“ Spruchkammerakten belegen, dass mehr als 20 Prozent der Ellwanger Straßennamen nationalsozialistisch umbenannt wurden. Die Sprache militarisierte sich. Schon vor dem Krieg war von „Feind“, „Front“ und „Schlacht“ die Rede. Ständige Wiederholungen verstärkten in einer ideologisch aufgeladenen Zeit die Wirkung.

So wichtig „kleine Adölfe“ wie Adolf Kölle auch waren, so Hoffmanns Fazit, so reichten sie doch nicht aus, um die Macht der Nationalsozialisten in Ellwangen zu festigen. Man verließ sich auch in der guten Stadt auf Massenpropaganda, Denunzianten, Spitzel, Profiteure und all jene, die mitmachten oder wegschauten. Und doch: obwohl katholische Vereinsstrukturen weitgehend zerschlagen wurden, blieb ein harter Kern, der Protest und widerständigem Denken verhaftet blieb und trotz der Gefahr für Leib und Leben demokratische Werte wachhielt.

Ipf- und Jagstzeitung