< Florian Eiberger ist Konrektor der Bolz-Realschule
20.07.2019 14:00 Alter: 90 days
Kategorie: Projekte
Von: Beate Gralla

Ein Kämpfer für die Demokratie

Kein Grab erinnert an Eugen Bolz. Als der ehemalige Staatspräsident von Württemberg am 23. Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet worden ist, haben die Nationalsozialisten auch gleich seine Asche vernichtet. Vergessen ist er nicht: Die Eugen-Bolz-Realschule hat ihrem Namensgeber vor anderthalb Jahren einen Gedenkraum eingerichtet. Mit vielen Informationen über ihn und seine Verfolgung im Dritten Reich.


Helga Bocker, Bernhard Koch, Elisabeth Neubert, Dieter Ulmer, Barbara Drasch und Schulleiter Martin Burr (von links) im Eugen-Bolz-Raum der Eugen-Bolz-Realschule. Vor anderthalb Jahren ist er eröffnet worden, seither sind viele Besucher gekommen. (Foto: gr)

Einmal im Monat ist der Eugen-Bolz-Raum geöffnet. Dann kommen auch viele alte Ellwanger. „Ich bin oft in Schweiß gebadet, was die Leute alles wissen wollen“, sagt Dieter Ulmer. Manche erzählen auch, was sie selbst oder ihre Großeltern im Nationalsozialismus erlebt haben, ergänzt Helga Boecker. Sie hat wie Ulmer, Bernhard Koch und Elisabeth Neubert früher an der Schule Geschichte unterrichtet. Alle haben sie zu ihrer Zeit engen Kontakt zur Familie Rupf-Bolz in Stuttgart gehalten. Sie sind mit Schülergruppen ein- oder zweimal im Jahr zu ihr gefahren und immer mit Bratwurst und Kartoffelsalat bewirtet worden, erinnert sich Ulmer.

Vielleicht auch wegen dieses engen Kontakts ist das Arbeitszimmer von Eugen Bolz von Stuttgart nach Ellwangen gekommen. Eugen Bolz selbst hatte auch Verbindungen nach Ellwangen. Nicht nur, weil er als Politiker der Zentrumspartei im Wahlkreis Ellwangen für den Reichstag kandidiert hatte, in der Region leben bis heute Verwandte von ihm. Eigentlich sollte das Haus der Geschichte das Arbeitszimmer erhalten. Das lehnte aber ab. So ging es an den Ellwanger Geschichts- und Altertumsverein, der aber keinen Platz hatte, es zu zeigen.

Das war die Geburtsstunde des Eugen-Bolz-Raums an der Schule. An dessen Einrichtung haben die ehemaligen Geschichtslehrer ehrenamtlich mitgewirkt, zusammen mit Barbara Drasch, Lehrerin an der Schule. Sie haben Unterlagen gesichtet, in Archiven geforscht, ihr Material zur Verfügung gestellt und um Formulierungen und Textlängen gerungen.

Während Ulmers erste Ausstellung zu Eugen Bolz zu dessen 100. Geburtstag 1981 noch aus kopierten Dokumenten in Wechselrahmen bestand, ist der Eugen-Bolz-Raum hochprofessionell gestaltet und braucht sich vor keinem Museum zu verstecken. Das hat Geld gekostet. Ohne die finanzielle Unterstützung der Landesstiftung wäre es nicht gegangen.

Dass ihre Arbeit so große Resonanz findet, sei beglückend, sagt Ulmer. Immer zu zweit leisten sie ehrenamtlich Dienst im Eugen-Bolz-Raum, samstags, einmal im Monat. Viele empfänden es als furchtbar, was im Nationalsozialismus in Ellwangen passiert ist: „Das war keine Insel der Glückseligen.“ Um die vielen Fragen zu beantworten, bildet sich das Team weiter. So waren sie erst vor kurzem zu einer Fortbildung im Hotel Silber in Stuttgart. Dort war die Gestapo-Zentrale untergebracht, jetzt ist es eine Gedenkstätte.

Es gibt Führungen für Erwachsene und Schulklassen. Viele Teilnehmer an Klassentreffen kommen, aber auch Vereine, ehemalige Schüler. Wenn im Geschichtsunterricht der Klasse 9 die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus Thema sind, bietet der Raum jede Menge Anschauungsmaterial. Viele seien sehr interessiert und tief berührt, wenn sie erleben, wie jemand wie Eugen Bolz vom Staat vernichtet worden ist, sagt Drasch. Da könne man Dinge zurechtrücken: „Es ist ganz wichtig, deutlich zu machen, was es bedeutet, wenn man in einem demokratischen Staat leben darf.“

Also nicht in einer Willkürherrschaft, in der ein Mann wie Eugen Bolz, der sich nichts anderes hat zuschulden kommen lassen, als ein Gegner der Nationalsozialisten zu sein, 1933 einfach seines Amts als Staatspräsident enthoben, wie ein Schwerverbrecher durch Stuttgart gefahren und zur Schau gestellt, mit Pferdeäpfeln und Kohle beworfen und dann – angeblich auf eigenen Wunsch – ein paar Wochen in Schutzhaft genommen wird. „Er hat dem Land gedient und musste erleben, wie man ihn im wahrsten Sinn des Wortes mit Dreck bewirft“, sagt Drasch.

Später knüpfte Bolz Kontakte zum Widerstand. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli wurde er verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Wenige Tage später wurde Carl Friedrich Goerdeler ermordet, auch er Politiker und Mittelpunkt des zivilen Widerstands. Er hatte Bolz oft in Stuttgart besucht und sicher auch in einem Sessel in dem Arbeitszimmer gesessen, dessen Möbel heute in der Schule zu sehen sind.